Full text: Über seine zweite Schingú-Expedition

  
Über seine zweite Schingú-Expedition. 371 
Art ihrer Zusammensetzung, nach ihrem Inhalt an Steinwerkzeugen und 
Skeletteilen die wichtigsten Zeugen der Vorzeit sind. 
Ende Mai wurde die Verkehrssperre aufgehoben. 
Anfang Juli erreichten wir, bei dem niedrigen Wasserstande nicht 
ohne Verzögerung, das ersehnte Cuyabä, d. h. wir fuhren in Sicht des 
Hafens zum letzten Male auf und zogen vergnügt ein Stückchen über 
Land nach dem uns von 1884 her innig vertrauten Residenzlein, hinter 
dessen Mauern die Welt aufhört. Noch immer tanzte man, spielte 
man — die Herren Karten, die Damen Klavier, beging man profane 
und kirchliche Feste Tag für Tag wie sonst nirgendwo auf der 
lustigen Erde, allein von den zwei Parteien, die das Land abwechselnd 
beherrschen, die — kein Mensch weils warum — als’,,liberale‘* und „kon- 
servative“ unterschieden werden, war inzwischen die liberale zu Fall 
und die konservative obenauf gekommen — und wir mufsten darunter 
leiden. Denn nachdem wir 1884 nur in der besten, damals liberalen 
Gesellschaft verkehrt hatten, und diese jetzt, 1887, in traurige sociale Be- 
deutungslosigkeit zurückgesunken war, wurden wir unschuldigen Bürger 
der Provinz Europa von den Konservativen mit höchstem Mifstrauen den 
nicht gesellschaftsfahigen Liberalen zugerechnet und, wahrend 1884 das 
leitende Wochenblatt den Dr. Carlos und seine Gefahrten als Helden 
gefeiert hatte, deren Namen mit goldnen Lettern in die Annalen der 
Provinz eingetragen standen, wurde das Publikum jetzt unterrichtet, 
dafs die distinguierten Fremden Abenteurer seien, welche Gold suchten 
und sich auf Kosten der Einheimischen bereichern wollten. 
Der Unsinn hatte seine ernste Seite. Man gab uns 1884 zwei Haupt- 
leute zur Begleitung, einen bösen, der die ihm anvertrauten Soldaten- 
gelder verspielte und den Erfolg der ganzen Expedition vernichtet haben 
würde, wenn wir ihn nicht heimgeschickt hätten, und einen guten, der 
an seiner Stelle das Kommando übernahm und getreulich unsere Schick- 
sale teilte; dieser gute saß, der Insubordination angeklagt, als wir in 
Cuyabä 1887 eintrafen, seit März in kriegsgerichtlicher Untersuchungs- 
haft: er war liberal, während der Gegenpart mit dem Umschwung der 
politischen Lage auch eine Änderung seiner politischen Meinung er- 
fahren hatte. Glücklicher Weise kamen wir noch grade zur rechten 
Zeit; mit den Prozefsakten, in denen auch ich des Mordversuches auf 
den Heimgeschickten und anderer — schlimmerer — Dinge zeugen- 
eidlich bezichtigt war, ging auch meine Darstellung der Vorgänge nach 
Rio und im November erhielt unser guter Hauptmann seine Freiheit 
zurück nach einstimmigem Entscheid des höchsten Militärgerichtshofes. 
Es läfst sich denken, daß unter solchen Verhältnissen wir uns nicht 
leicht entschließen konnten, für die neue Reise eine militärische Hilfs- 
mannschaft zu beantragen, allein durch die unselige Verspätung war 
die Ende September gewöhnlich einsetzende Regenzeit, in der es un- 
gemein schwierig ist, wegloses Terrain zu bereisen, so nahe gerückt, 
 
	        
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