Full text: Über seine zweite Schingú-Expedition

coria SEE 
Uber seine zweite Schingú-Expedition. 375 
Sie waren sonst nichts weniger als unreinlich, alles badete zwei mal 
am Tage, tauchte ein paar Mal in dem Bach auf und nieder, wusch 
sich mit Sand und schiittelte sich, dem Wasser entsteigend, dafs die 
Tropfen weitumher spritzten. Mit ehrfurchtsvoller Scheu, aber mit un- 
bezwinglicher Neugier wurde auch ich zum Baden begleitet, und einer 
nach dem andern stellte sich als Zeuge des interessanten Vorgangs 
ein, die verschiedenen Hiillen sorgsam zu untersuchen, sich auch durch 
Tasten zu vergewissern, dafs die helle Haut kein Kunstprodukt war. 
Die Stunde vor Sonnenuntergang war köstlich, trotz der alsdann 
zum letzten Angriff anschwärmenden Stechfliegen. Ich mußte meine 
linguistischen Aufzeichnungen vom Tage vorlesen und konnte Ver- 
besserungen anbringen, ich rechnete unter Zuhülfenahme der Finger 
ihr armes zweiwortiges Zahlensystem durch 1, 2, I+2, 2+2, 1+2+2, 
2+2+2 etc., unter Zuhülfenahme der Zehen für die Zahlen von 11 
bis 20 und ließ sie mit dem Bleistift zeichnen, dabei feststellend, daß ihre 
mangelhafte Zahlenauffassung auch bei der Darstellung eines Menschen ! 
nicht über drei hinausreicht, indem sie Händen und Fúfsen nur drei | 
Finger oder Zehen geben. 
Aber sie ermüdeten rasch bei der ungewohnten geistigen An- 
strengung, und zogen es vor, die Schätze des Fremdlings zu bewundern, 
seine Sonne — das war der Kompaß, weil ich ihnen gezeigt, daß die 
Nadel sich auf die Mittagslinie einstellt, (ein Fall, in dem sie kom- 
petent sind, da sie jederzeit auch im Innern eines Hauses genau wissen 
wo die Sonne steht), und seinen Mond — so nannten sie die Taschen- 
uhr, weil sie auch des Nachts in Funktion bleibt. 
Sobald die Dämmerung hereingebrochen war, erschien in un- 
weigerlicher Pünktlichkeit der Älteste des Dorfes, mein besonderer 
Freund und Lehrer, mit einem brennenden Holzkloben und berief uns 
Männer zu einem kleinen Tabakskollegium auf die Mitte des Platzes 
zusammen; dort hockten wir um das Feuer, rauchten die anderthalb 
Spanne langen grünen Cigarretten, deren Einlage getrocknete Tabaks- 
blätter sind, und zu deren Umhüllung das frische balsamisch duftende 
Blatt eines Sumpfbaumes dient, — rauchten und plauderten. Niemals 
stockte unsere Konversation, denn wir hatten große Freundschaft mitein- 
ander geschlossen, und ihr Geschick sich in der Geberdensprache auszu- 
drücken, übertrifft weit das unsrige. Was ihre Redeweise aber aulser 
den beschreibenden Gesten namentlich charakterisierte, war die un- 
gemein reiche Lautmalerei — eine jede Handlung wird durch "die 
lebhaftesten "Interjektionen und durch einen stark modulierten Ton- 
fall veranschaulicht. ‚Der Fluß ist weit“ wird niemals affektlos, son- 
dern in einer Weise singend gesagt, dafs man sich förmlich den langen 
Weg dahingezogen fühlt... wei... . t, und wenn die Hände be- 
schäftigt sind, wird der Mund in der entsprechenden Himmelsrichtung 
schnauzenartig vorgewölbt. 
  
 
	        
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