Full text: Über seine zweite Schingú-Expedition

  
388 Dr. G. Schweinfurth: 
    
Herr Prof. Dr. G. Schweinfurth: Bericht über seine 
während der letzten 15 Jahre in Ägypten ausge- 
führten Forschungen. 
Als ich im Jahre 1872 die centralafrikanischen Reisen beendigt 
hatte, war meine Kenntnis von Ägypten in vielen Stücken eine noch 
sehr lúckenhafte. Obgleich ich wiederholt durch das Land gereist 
war, auch an einzelnen Plätzen längeren Aufenthalt genommen hatte, 
wufste ich aus eigener Anschauung noch nicht den kleinsten Teil von 
demjenigen, was meine Vorgänger in diesem Gebiete an thatsäch- 
lichen Beobachtungen zusammengetragen hatten, 
Ägypten, das uns nächstgelegene Eingangsthor von Afrika mit 
seiner natürlichen, tief ins Herz des Kontinents eindringenden Fahr- 
strafse des Nils, schien mir unzertrennlich an jene inneren Regionen 
geknüpft, die das Ziel meiner Wanderungen gewesen waren. Hatte 
ich doch auf meinen Reisen von Nord nach Süd, und umgekehrt, 
diesen Zusammenhang genugsam erprobt, den allmählichen Übergang 
der in dieser Richtung aufeinanderfolgenden Glieder mit meinen 
eigenen Schritten geprüft. In ihrer Gesamtheit erschienen mir die 
Nilgebiete unter dem Bilde eines Baumes, von dem ich bisher nur 
die Wurzeln kannte; wie vieles von der urafrikanischen Natur mußte 
sich in seinen Blüten und Früchten offenbaren, wie viele Probleme | 
des Urzustandes von Afrika, wie manche auf dem Gebiete der Ur- 
geschichte der Völker und der heutigen Völkerkunde von Afrika an- 
geregte Fragen konnten naturgemäß hier ihrer Lösung näher geführt 
werden, hier auf der weltverbindenden Brücke so vieler Kultur- 
epochen! Es wurmte mich von Ägypten so wenig zu wissen, nach- 
dem ich viele Jahre der Erforschung von Gegenden gewidmet hatte, 
deren richtige Erkenntnis der Ägyptenkunde nimmer entbehren kann. 
Gab es dort Strecken, von denen niemand mehr wußte als ich, der Ent- 
decker, so hatte ich hier alles erst zu lernen. Bevor ich noch meiner 
eigenen Unwissenheit vollkommen bewußt wurde, hatte ich bereits 
instinktiv die große Lückenhaftigkeit erraten, die unserer heutigen 
Kunde von Ägypten auf fast allen Gebieten des Wissens anhaften 
mulste. Zur Ausfüllung dieser Lücken beitragen zu können, hatte viel 
verlockendes. 
Zunächst lag mir eine gründliche Durchforschung des Landes in 
Bezug auf die Flora am Herzen. Dazu mufsten alle Teile Ägyptens, 
insonderheit die noch so wenig erforschten Wüstenstrecken, die das 
Nilthal umgeben, in Augenschein genommen werden und hieraus 
ergab sich von selbst eine Erweiterung unserer geographischen Kennt- 
nisse, während die in den nackten Felsgebieten sich auf Schritt und 
Tritt dem Beobachter aufdrängenden geologischen Verhältnisse überall 
 
	        
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