Full text: Schilderung der Reise (1)

  
  
  
360 Auf neuen Wegen zum Orinoco 
EAU OOOO OOOO 
Um Mittag geht es weiter. Wieder renne ich mit dem Alten voraus, 
immer steil abwärts über mehrere Wasseradern, die nach Süden fließen. 
Nach einer Stunde erreichen wir den Wö’s&to, einen etwa 50 m breiten, 
reißend über Felsgeröll strömenden linken Nebenfluß des Ventuari. Der 
junge Mann aus Tyahokönya schwimmt elegant durch die braune Flut 
und holt ein Kanü, auf dem wir übersetzen. Am linken Ufer gehen wir 
weiter nach Westen und überschreiten einen Höhenzug, durch den sich der 
Fluß in einzelnen Stufen Bahn bricht. Durch einen breiten, tosenden Bach, 
vorbei an den Resten eines niedergebrannten Hauses, kommen wir um 
3 Uhr zu der kleinen Maloka Kastänya, die auf einer Anhöhe in einer 
Maniokpflanzung liegt. 
Den Bewohnern merkt man an, daß sie noch nie Weiße gesehen 
haben. Der Hausherr ist ein Alter mit wüstem Haarwuchs, offenbar Zauber- 
arzt, denn an einem Querbalken hängen zwei große Sitzschemel in 
Jaguargestalt. Außerdem sind noch anwesend ein auffallend schöner 
junger Mann vom Arekunä-Typus, eine ebensolche junge Frau, einige 
ältere Weiber mit kurzgeschorenem Haar und ein paar dieke Kinderchen, 
welche die Weißen aus sicherer Entfernung scheu anstaunen. Man reicht 
uns die übliche Bewirtung und die ‚‚Friedenspfeife‘‘, in Maisblatt gewickelte 
Zigaretten fiir jeden einzelnen. Schwiegervater hált ein langes Palaver 
mit dem alten Zauberer. Dann lassen wir uns unter einem Schuppen 
häuslich nieder. Die Nacht ist kühl. Ein frischer Ostwind weht aus dem 
Tal. Der klare Himmel gestattet eine Reihe astronomischer Beobachtungen. 
9. November. Schwiegervater will heim. Er wünscht nicht, wie er 
sagt, mit Antonio zusammenzutreffen, der am nahen Yatéte weilt. Bei der 
Auszahlung benimmt er sich anständiger, als ich dachte. Er verlangt nur 
Pulver, erhält aber auch Schrot und eine Sportmütze dazu. Den Jüngling 
aus dem „Pfefferfresserdorf‘‘, der uns bis zum Yatéte begleiten wollte, hat 
er uns abspenstig gemacht. Er will ohne Lohn zurückkehren. Ich gebe ihm 
eine Handvoll Schrot, was er reichlich verdient hat. 
Der schlaue Alte brauchte wohl noch einen Ruderer, um bequemer 
reisen zu können. Auch Romeo wollte er wieder mit sich nehmen, aber der 
blieb standhaft; er hat genug von der Sippschaft. 
Die drei Majonggöng ziehen ab. Schwiegervater trägt stolz einen neuen 
englischen Vorderlader, den er hier gegen spätere Bezahlung erstanden 
hat. Mit ihnen verschwindet die letzte greifbare Erinnerung an Mauarünya 
und alles Unangenehme, was damit zusammenhängt. 
Wir trocknen unser nasses Zeug in der prallen Sonne, rauchen von 
dem schweren Tabak des Zeuberers und freuen uns, daß wir endlich 
  
 
	        
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