Full text: Ethnographie (3)

  
138 Säugen 
Die Furcht vor der Übertragung der tierischen Eigenschaften wird nun 
die Frau auch bei ihrem Manne geweckt haben. Beide wünschen ein mög- 
lichst gesundes, kräftiges Kind. Beide sind besorgt um sein Leben. Folglich 
muß auch der Vater alles vermeiden, was dem Kinde schaden könnte. Daher 
hält er schon vor der Geburt des Kindes mit ängstlicher Gewissenhaftigkeit 
alle Vorschriften ein, denen sich auch die Frau unterwirft. Ist dann das 
Kind auf der Welt, so ist es um so mehr Gefahren ausgesetzt. Die Kinder- 
sterblichkeit ist groß. Beide Eltern sind bemüht, das zarte Leben zu er- 
halten. Folglich bleibt der Vater in der Nähe seines Kindes, meidet vor 
allem die Jagd, um nicht in Versuchung zu kommen, Tiere zu erlegen, 
deren Genuß dem Kinde schaden könnte. Diese Vorsicht zieht immer weitere - 
Kreise; sie führt allmählich zu dem Glauben, daß jede Handlung des 
Vaters auf das Wohlbefinden des Kindes Einfluß haben könnte, und so 
kommt es schließlich dazu, daß der Mann noch längere Zeit nach der 
Geburt des Kindes in strengster Abgeschlossenheit zu Hause bleibt und 
als Hauptperson der Wochenstube gilt. 
Zu Ehren der Geburt eines Kindes findet keine Festlichkeit statt. 
Gestillt wird etwa zwei Jahre lang. „Die Frauen“, meinte mein Ge- 
währsmann, „haben vielleicht ein Mittel, die Milch zu erhalten,“ Auch 
Großmütter sah ich noch säugen. Sie nehmen oft das Kind an die Brust, 
wenn die Mutter anderweitig beschäftigt ist!. Dabei muß man jedoch be- 
denken, daß die Indianerin bei der oft frühen Heirat in verhältnismäßig 
jugendlichem Alter schon Großmutter sein kann. Zudem ist es nicht gewiß, 
daß die Brust in jedem dieser Fälle noch Milch gibt. Vielleicht dient sie 
oft nur als Beruhigungsmittel, wie etwa bei uns der Schnuller. 
Sie glauben nicht, daß während des Stillens keine neue Empfängnis 
stattfinde. 
Auch jung gefangene Tiere ziehen die Frauen an der Brust auf, wo- 
durch jene sehr zahm werden?. Im Dorfe Denöng am Roroima war ein 
1 Von den Frauen der Arowaken sagt Quandt (a. a, O. S, 253): „Sie säugen ihre 
Kinder so lang, bis das nächste wieder bald da ist, und dann übernimmt die Großmutter, 
wenn eine vorhanden ist, dieses Geschäft noch einige Zeit. Ich habe oft die Kinder neben 
ihren Müttern oder Großmüttern stehen und an ihnen saugen sehen. Sie suchen daher 
auch die Milch in ihren Brüsten zu erhalten.“ — Ebenso fand es Rich.Schomburgk 
bei den Makuschi, Sein indianischer Begleiter Sororeng, den er über diese auffallende 
Erscheinung befragte, erwiderte ihm, „daß die Frauen ein Mittel anwendeten, das ihnen 
die Milch bis in das höchste Alter erhalte“ (a. a. O. Bd. II, $. 315). 
2 Ebenso bei den Arowaken (nach Quandt a. a. 0.8. 253/254) und bei den Makuschi, 
bei denen dieses Geschäft gewöhnlich den Großmüttern zufällt (Rich. Schomburgk 
a. a. O, Bd. I, 8. 315). 
  
 
	        
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