Full text: Ethnographie (3)

Musik und. Musikinstrumente 417 
und Mundbewegung des Sängers und Sprechers. So fällt denn auch die 
gemeinsame Charakteristik der amerikanischen Sprachen durch Inkorporie- 
rung und Polysynthese haarscharf mit der der Indianermusik zusammen. 
B. BESONDERER CHARAKTER 
a) Europäischer Einfluß 
Die ausgeprägte Eigenart der Indianergesänge macht es verhältnismäßig 
leicht, fremden, besonders europäischen Einfluß zu erkennen. Bei den hier 
behandelten Stämmen kann er drei Quellen entstammen: den Eroberungs- 
zügen, der Mission und, in jüngerer Zeit, dem Handelsverkehr. „Aus der 
Missionszeit“ stammt eine ganze Gattung von Tanzgesängen der Taulipäng, 
die sie selbst arzrüya (= Halleluja) nennen. Der Text benützt aber den 
christlichen Jubelruf nicht! Die Melodien (Phon. Nr. 41—43) sind englische 
(schottische oder irische?) Volksweisen, die einfach übernommen und an- 
scheinend unverändert erhalten geblieben sind. Die Anpassung an india- 
nischen Brauch beschränkt sich in der mitgeteilten Probe (T. 26) vermutlich 
auf starke Verlangsamung des Tempos, Absinken der Stärke mit der Ton- 
höhe bis zum Pianissimo, und Auflösung des tiefsten Tons (a) in kleine 
Zeitwerte. Eine viel stärkere Umformung, die auf einen erheblich früheren 
Zeitpunkt der Aneignung schließen läßt, hat bei einem Tanzgesang der 
Yekuaná (kauara(z)ti, Y. 34) stattgefunden. Erst bei der letzten Revision 
der Niederschrift erkannte ich, besonders deutlich an einer Wendung der 
vierten Melodiezeile (dem zweiten °/s-Takt) die Weise von „Wilhelmus von 
Nassauen“ wieder. Der aufsteigende Quartschritt kommt zwar auch sonst 
bei den Yekuaná vor (Y. 29; 30; 31; 32), aber der Ansprung zur Tonika 
im Beginn und auf dem Auftakt schien verdächtig. Der Text des Wilhelmus- 
liedes ist wahrscheinlich 1569 entstanden, der erste Druck (1588) bezeichnet 
als zugehörige Weise ein französisches Jagdlied?; die Melodie muß also damals 
schon volkläufig gewesen und könnte sehr wohl schon in der ersten Hälfte 
des sechzehnten Jahrhunderts, bei dem damals so regen Verkehr Spaniens 
mit den Niederlanden, von spanischen Söldnern aufgenommen und nach 
Amerika gebracht worden sein. Von der alten Weise haben die Indianer 
nur den ersten Teil behalten, der ihnen mit seinem Wechsel von ?/a und */2 
ei: Dies ges chieht z. B. beiden nordamerikanischen Pawnee („henendya“), Bellakula („iau- 
eli-eli-aja“) u.a. Vgl. Stumpf, Sammelb, f. vergl. Musikwiss. I, 93, 96; 1922). 
2 „Na de wijse van Chartres.“ Erk-Boehme, Deutscher Liederhort II. 107, woselbst 
weitere Literatur; Emil Bohn, Die Nationalhymnen der europäischen Völker, Breslau 1908, 
8. 164 
Koch-@rünberg, Vom Roroima zum Orinoco, Bd. III DR 
 
	        
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