Full text: Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts und Immanuel Kant

  
Besprechung von Dr. Karl H. Strobl, Brünn 131 
  
wird zu besserer Ordnung und Uebersicht unter solche Ge- 
dankengesetze gestellt, die aus dem Vielfachen ein ver- 
hältnismässig Einfaches machen. Nicht die Natur drängt 
uns ihre Gesetze auf, wir selbst sind die Gesetzgeber der 
Natur. Diese souveräne, gesetzgebende Tätigkeit heisst, 
als: Methode betrachtet: Wissenschaft. Eigentlich deckte 
sich die reale Anschauung niemals mit der Schematisie- 
rung durch die Wissenschaft, wenn diese nicht mit Hilfe 
der Theorien — Theorien sind alt und ehrwürdig gewor- 
dene Hypothesen — die Ungleichmässigkeiten und Wider- 
sprüche ausgliche. Descartes kommt der Anschauung mit 
Gedanken zu Hilfe, indem er alle sichtbaren Bewegungen 
der Himmelskörper und irdischen Gegenstände durch 
einige wenige Grundbegriffe (Trägheit, Masse usw.) ver- 
ständlich macht. Das ist freilich eine Auffassung, die 
weltenfern von der der dogmatischen Wissenschaft steht. 
Wie es eine Kunst für die Kunst gibt, so gibt es eine Wis- 
senschaft für die Wissenschaft. Gelehrte glauben, alles sei 
um ihrer selbst willen da, spottetKant. Vor allem istCham- 
berlain der „exakten Naturwissenschaft“ feindselig gesinnt. 
Die Entwicklungslehre an sich ist ‚‚eine prächtige, vielver- 
heissende, regulative Idee“, aber sobald sie sich auf einmal 
als objektiven Tatbestand gibt, Gesetze erlässt und dogma- 
tischen Wert beansprucht, umnachtet sie unseren Ver- 
stand. Von diesem Punkte aus unterscheiden sich nach 
der Ansicht Chamberlain’s Moses und Haeckel nur um ein 
‚geringes. Sie bieten uns beide Schöpfungsgeschichten, 
„nur mit ein bisschen anderen Worten“. Haeckel mit viel 
mehr einzelnen Tatsachen, Moses tiefer und anregender, 
weil er die Sache ‚‚vom besseren Ende anfasst“. 
Chamberlain findet hier keine Worte, die scharf ge- 
nug wären, um diese Art von Wissenschaft zu bekämpfen. 
Sein Hohn ist wild und trotzig und schlägt dem Feind ins 
Gesicht. Man möchte manchmal wünschen, er vergässe 
sich gegen eine Generation von verdienten Gelehrten nicht 
so weit. Denn —- selbst hier ist dem guten Willen eine 
g* 
 
	        
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