Full text: Im Reiche des Kondor

  
  
°000 Zu Pferde hinter den Guanacos in den Kordilleren von Uspallata. 57 
Graugelblich ist die Tönung des endlosen Tales, das die 
Wintersonne mit hellen Strahlen beleuchtet. Welche Gegensätze 
der Farben! Grau und olivgrün das Hügelgelände des vorhin er- 
wähnten Bergstocks im Tale; schwarz die Wände des uns gegen- 
über jenseits des Tales in den blauen Winterhimmel hinaufstre- 
benden Cerro Negro; bläulich glitzernd oder schneeweiß in der 
leuchtenden Sonne die endlosen Schneefelder, die Höhenlinie des 
Andengebirges. Wenn wir auch die Namen all der Zacken und 
Spitzen nicht kennen, bleibt doch der Eindruck dieser großartigen 
Natur so gewaltig, daß man nur schweigend bewundern kann. 
Hoch ragt über die Schneedecke hinaus, einem Dachfirste 
ähnelnd, eine Kuppe, von lockeren Wolken umkreist. Das ist der 
Riese der Anden, der Aconcägua, der sein Haupt bis auf mehr als 
7000 Meter in das Himmelsblau hinauf reckt. 
Fern im Süden vor der schwarzen Wand tosen die Wasser 
des Mendoza, der, das Tal südlich umfließend, in den Vorbergen 
verschwindet, um später die Weingefilde in der Umgegend der 
Stadt Mendoza zu bewässern. Zwischen ihm und den Talbergen 
dehnt sich eine Oase aus, die grünen Luzernefelder der Estancia 
(Farm) Uspallata, Ziel unseres heutigen Rittes. Ein Wald. von 
Pappeln und Trauerweiden umgibt das Farmhaus, dessen langge- 
streckte Dächer deutlich erkennbar sind. So transparent ist die 
Luft, daß wir, obschon uns noch eine Meile von der Farm trennt, 
deutlich jedes Stück Vieh und jeden Reiter, ja jegliche Staubwolke 
mit unbewaffnetem Auge erkennen können, 
Über all dieser Herrlichkeit schweben hoch oben im blauen 
Äther die mächtigen Geier der Anden, die Kondors, weite Kreise 
ziehend. Ihre weißen Halskrausen leuchten zu uns herüber. Kein 
Laut läßt sich vernehmen, nur ab und an tönt der melodische Ruf 
der Doüa Uraca aus dem Gebirgstale zu uns empor. 
Aber nur kurze Zeit können wir uns dem Genusse des herr- 
lichen Anblicks hingeben, denn der Magen knurrt, und wir wollen 
zu Mittag am gastlichen Tische unseres Freundes auf der Farm 
Platz nehmen. 
Mein Begleiter Vargas, ein hübscher Mensch, mahnt zum 
Aufbruch. Er ist in diesen Bergen groß geworden und kann 
‚zweifellos die Begeisterung, mit der ein europäisches Auge die 
Schönheiten dieser Hochgebirgsnatur betrachtet, nicht verstehen. 
Ihn interessiert der am Spieß gebratene Rinderrücken, der uns 
auf der Farm erwartet, weit mehr als alle Schneeberge der 
Alpenlandschaft, 
 
	        
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