Full text: Herbsttage in Andalusien

    
  
108 Kapitel VI. 
  
werk mit burgähnlichen Zinnen, nur eine Art Zitadelle, die 
ohne jede Rückſichtnahme auf eine architektoniſche Geſamt— 
entwickelung gebaut iſt. Dieſe Erſcheinung iſt recht charak— 
teriſtiſch für das ganze Verhältnis des orientaliſchen Herrſchers 
zu ſeinem Volke. Finſter und wehrhaft iſt die Außenſeite 
des Herrſcherſitzes: hinter jenen Mauern thront der Gewaltige, 
von dem Leben und Tod abhängen, das iſt es, was die Menge 
von ihm zu wiſſen braucht. Ganz anders die Innenſeite: die 
ſtachliche Schale birgt einen ſüßen Kern, eine architektoniſche 
Dichtung von berauſchender, ſinnlicher Pracht. Hier lebt der 
Gebieter in halbgöttlicher Abgeſchloſſenheit, in heiterem Glanz 
und üppigen Freuden. 
Ich ging eigentlich mit geringen Erwartungen in den 
Alkazar hinein, gewarnt durch die alte Erfahrung, daß man von 
dem Anblick der Dinge, mit denen ſich die Phantaſie im voraus 
ſo viel beſchäftigt hat, faſt immer enttäuſcht iſt. Und in der 
That, der Anblick der farbloſen Ornamentik des Eingangsthors, 
die das Reiſehandbuch ſchon ſo wunderſchön gefunden ſehen 
wollte, enttäuſchte mich bereits — dann aber, als ich das 
Innere betreten, war ich doch in den erſten Minuten voll— 
kommen gefangen, überwältigt, und ohne ein Wort zu ſagen, 
nur mit ſtaunendem Schauen, ſchritt ich von Saal zu Saal: 
das war ja wundervoll, ein Märchen aus tauſend und einer 
Nacht! Ich habe ſpäter die Alhambra weit eingehender 
kennen gelernt und ſtelle ſie unbedingt über den Alkazar 
von Sevilla, aber dieſen unmittelbaren Eindruck hat ſie mir 
nicht gemacht. Ich bin mir vollkommen klar darüber, daß 
dies lediglich an der Wirkung der Farbe gelegen hat. Die 
Alhambra hat im Laufe der Zeit ihre Polychromie faſt ganz 
eingebüßt; im Alkazar iſt ſie 1857 wiederhergeſtellt worden. 
Der höchſte Kunſtwert aber, den dieſe mauriſchen Bauten be— 
ſitzen, die Formenſchönheit ihrer Ornamentik, iſt etwas viel 
   
  
	        
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