Full text: Herbsttage in Andalusien

   
  
  
——— Kapitel XV. 
nicht durch mein Gedächtnis gegangen war, „Die Galoſchen 
des Glücks“ genannt. Der Leſer wird es auch kennen: ein 
Kopenhagener Bürger, der für die „gute alte Zeit“ ſchwärmt, 
wird mit Hilfe eines Paars Zaubergaloſchen in das mittel— 
alterliche Kopenhagen zurückverſetzt, und trefflich wird der be— 
fremdende und beklemmende Eindruck, den dies Hinabtauchen 
in eine längſt begrabene Welt auf ihn ausübt, geſchil— 
dert. Daher kehrte auch mir das Gefühl des Entrücktſeins 
in doppelter Stärke wieder; mir war, als führe ich, um 
ein halbes Jahrtauſend zurückverſetzt, durch irgend eine kleine 
mittelalterliche Stadt, und ich raffte mein Herz zuſammen für 
das Seltſame, das ich, ein modernes Geſpenſt in dieſer Um— 
gebung, binnen kurzem erleben mußte. 
Der Wagen hielt endlich vor einer langgeſtreckten Haus— 
front, in deren Mitte ſich ein großer dunkler Thorweg befand. 
Mein Mayoral ſtieg vom Wagen und führte mit einem Stein 
gegen die hölzerne Thür drei dumpfe Schläge, die unheimlich 
hohl in der mitternächtlichen Straße widerhallten. Eine 
Minute ſpäter thaten ſich die beiden mächtigen Thorflügel 
knarrend nach innen auseinander, und mein Gefährt glitt lang—⸗ 
ſam in die ſchwarze Öffnung hinein, wie eingeſchlürft von 
einem finſteren Rachen; zuerſt das eine Maultier, dann das 
zweite, endlich ich ſelbſt. Der Wagen hielt, die Thorflügel 
ſchloſſen ſich hinter mir. Nachdem ich aus meinen Strohſäcken 
hervorgekrochen, ſah ich mich in der von einem Ollämpchen 
matt beleuchteten Unterfahrt einer ſtattlichen Poſada. Zur 
Rechten mußten ſich Ställe befinden: Geräuſch wie Halfter— 
klirren und Strohraſcheln klang aus dem dunklen Raume her— 
vor. Der Raum zur Linken aber bot ein Bild von ſo eigen— 
artiger, Rembrandtſcher Lichtwirkung, daß ich es dem Leſer 
lieber als Gemälde, denn in Worten vorführen würde. Ich 
ſah in eine tiefe offene Halle hinein, deren Decke von mehreren 
  
   
 
	        
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