Full text: Herbsttage in Andalusien

  
  
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314 Kapitel XVII. 
„Da hätten Sie ja etwas früher aufſtehen können, Sefora. 
„Ich hoffte“, fuhr ſie leiſe und nicht mehr lachend fort, 
„Sie ſollten noch einige Tage hier bleiben; ich dachte Sie 
dazu zu überreden — aber wenn Sie durchaus nicht können, 
ſo will ich Sie nicht halten.“ Und dabei ſah ſie mich mit 
ihren nachtdunklen Augen an, nachtdunkel und doch heiß wie 
die Sonne, und ich hatte doch kein Herz von Diamant, ja 
nicht einmal von Kieſelſtein — mit einem Wort, mir war nie 
klarer, als jetzt, daß ich nicht bleiben durfte. 
„Ich kann wirklich nicht, Señora“, ſagte ich freundlicher, 
„leben Sie wohl!“ 
Die ſchöne Frau ſtand eine Weile ſchweigend, dann ſprach 
ſie weich: „Wollen Sie mir verzeihen und zu Haus, in Ale— 
mania, manchmal an die Hermosa Morena in Mureia denken?“ 
„Das will ich, Señora, wenn Sie mir — die Roſe da 
geben.“ Dabei ſah ich aber unwillkürlich nicht die Blume, 
ſondern ihre roten blühenden Lippen an. 
„Darum komme ich ja“, erwiderte ſie kaum hörbar, den 
Blick erwidernd. Sie neſtelte langſam die Roſe von ihrem 
Kleide, dann aber legte ſie beide Arme um meinen Nacken 
und küßte mich. — Hierauf glitt ſie geräuſchlos zur Thür 
hinaus. 
Wieder ſinkt die Sonne über Murcias Fluren hernieder; 
ihr Gold hängt an den Klippen der felſigen Sierren und 
verklärt die Trümmer von Monte Agudo. Vorüberfliehen 
an mir wie Traumbilder die dunklen Orangengärten, die hoch— 
ragenden Zypreſſen, die ſchlanken Palmen und grünumwucherten 
Häuschen, auch die Stationen, eine nach der andern: Ori— 
huela, Calloſa, Albatera u. ſ. w.; ich leſe die Namen und 
betrachte die Ortſchaften neugierig und doch teilnahmlos, als 
ſeien es Kuliſſen einer Wandeldekoration: ich ſehe ſie im 
 
	        
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