Full text: Herbsttage in Andalusien

    
    
26 Kapitel III. 
beiden, die mit Ortſchaften überſtreut iſt. Vor der Bai lagert 
ein Gewirr von Klippen und Inſeln, ſchräg aus dem Meere 
aufſteigende Schollen, die jäh auf der andern Seite abſtürzen 
und mit ihren rötlichen Steilwänden im Lichte der Abend— 
ſonne einen köſtlichen Glanz werfen. Alle überſtrahlt aber 
an phantaſtiſcher Schönheit der Fels der Isla del Vedra im 
Hintergrunde; eine wilde, doppelgipflige Kalkklippe von an— 
ſcheinend 45500 mm Höhe, die mit ſteilen, nackten, weißgrauen 
Wänden, den Fuß in eine Geröllhalde gehüllt und, ſoviel wir 
ſehen konnten, ohne jede Vegetation, aus dem brandenden 
Meere ſich emporbäumt. Das in der ſchnellen Bewegung 
perſpectiviſch ſich fortwährend verſchiebende Bild der bald ſich 
löſenden, bald für das Auge zuſammenwachſenden Inſeln, der 
Unterſchied in den kräftigen, tiefen Farben der näheren, den 
leichteren Tönen der ferneren Felsgebilde, war unendlich reiz— 
voll und feſſelte aller Augen, bis das Ganze, auch die Isla 
del Veédra, wiederum hinabgetaucht war hinter die Rundung 
der Erde. Und nun zog unſer Schiff in „ſeliger Ode“ über 
die ſtrahlende, beinahe unwahrſcheinlich blaue Fläche dahin. 
Freilich dauert eine völlige Einſamkeit nie lange auf dieſem 
befahrenſten aller Meere. Auch im Dämmer der Nacht ſieht 
man wohl gelegentlich in geringer Entfernung die dunkle 
Maſſe eines fremden Schiffs ſchattenhaft vorübergleiten; bei 
Tageslicht aber iſt der Geſichtskreis nur ſelten ganz leer. 
Fremde Segel glänzen fern und nahe und ſchwimmen oft in 
reizvollſter Beleuchtung an uns vorbei. Die erfreulichſte 
Begegnung auf der ganzen Fahrt war uns der Anblick eines 
ſtolzen weißen Dampfers mit ſchwarz-weiß-roter Flagge, der 
in geringer Entfernung unſern Weg kreuzte; es war ein 
zweites Schiff unſeres Lloyd, von der oſtaſiatiſchen Linie; 
die Muſikchöre ſpielten auf beiden Schiffen und Taſchentücher 
wehten luſtige Grüße herüber und hinüber.
	        
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